Montag, 3. Dezember 2007

Viva la Serenissima!

Juhu, ein Wochenende in Venedig! Vor etwa einer Woche beschlossen Julia, Belinda und ich (das Lisele leider nicht, da von Freund und Basti heimgesucht), der Lagunenstadt einen Besuch abzustatten, Hotel gebucht, alles bestens, sattelt die Gondeln.
Einen Abend vorher, also am Donnerstag, sucht Belinda schon mal Zugverbindungen raus, schließlich kann man ja spontan entscheiden wann´s am besten passt, so gegen 10 Uhr soll`s losgehen. War der Gedanke dahinter. Praktisch kommt uns dann aber leider die berühmt-berüchtigte Trenitalia und ein wesentlicher Bestandteil der italienischen Kultur in den Weg: der Streik. Belinda und Julia stürmen schwer gestresst in Lisas Kommunenküche, wo wir unseren Ärger mit von Basti und Hannes importiertem Augustinerbier runterspülen und beschließen, am nächsten Tag nach Ende des Streiks loszufahren. Der endet um fünf. Warum genau am Freitag?! Warum gerade dann, wenn WIR nach Venedig wollen??? Egoistischerweise sind denen von der Trenitalia ihre Tarifverhandlungen wichtiger als unser Urlaub, uns so kommen wir um elf Uhr nachts statt, wie geplant, gegen Mittag in Mestre an. Das Hotel besticht aber sofort durch zartrosa Wände und den traumhaften Ausblick auf einen mestriner Hinterhof, wirklich nett; wir fühlen uns wohl und fallen in der pastelligen Atmosphäre sofort in einen tiefen Schlaf.
Der nächste Tag ist perfekt: es ist schneidend kalt, aber sonnig, und die Stadt begrüßt uns in geheimnisvollen Nebel gehüllt. Und das Beste: kaum Touristen! Venedig ist an einigen Stellen wie ausgestorben, nur wir, die engen Gässchen und Kanäle und ein paar Möwen! Wie in einem Traum! Aus diesem verwinkelt-verwunschenen Traum werden wir aber ziemlich abrupt geweckt als wir den Markusplatz betreten: Tauben. Tauben so weit das Auge reicht. Überall Tauben. Geflügelte Ratten. Ü-BER-ALL!! Und dann, wir trauen unseren Augen nicht: ein Taubenfutterverkäufer mittendrin! TAUBENFUTTER!!! Hat die Welt sowas schon gesehen?? Würde ein Bauer im Sommer die Schnecken füttern, die seinen Salat auffressen??? Also gehe ich mal auf den Mann zu und frage ihn, warum um alles in der Welt er die Tauben auchnoch füttert? Er schaut mich bitterböse an und antwortet mir in einem Tonfall, der verrät dass er mich, menschlich gesehen, auf einem Level mit Nerzträgern und Hamster-in-die-Mikrowelle-Steckern ansiedelt: "Weil die armen Tierchen Hunger haben!" Ja nee, klar; ich wage einen vorsichtigen Einwand: ob sich die Venezianer denn nicht immer beschweren, die Tauben machten ihre Stadt kaputt? "Ja, macht denn Marghera (Industrievorort von Venedig, Anm.d.Red.) die Stadt nicht kaputt?!" Bestechende Logik. Darauf brauchen wir einen Kaffee und Süßkram, der allerdings aufgrund der direkten Nähe zum taubenfreundlichen Markusplatz über 7 Euro kostet. Danach bummeln wir ein bißchen durch die weihnachtlich-heimelig beleuchteten Gässchen, kaufen ein paar Weihnachtsgeschenke und lassen uns von einem Muranoglasbläser zeigen, wie das mit dem Muranoglasblasen funktioniert. Faszinierend. Danach fahren wir mit dem Bus zurück zu unserem Pastell-Hotel und fragen den Rezeptionisten mit dem putzigen venezianischen Akzent (hört sich an wie Edward, unser amerikanischer Freund, wenn er italienisch spricht) nach dem Weg zu einem günstigen Restaurant. Der drückt uns in weiser Voraussicht einen Stadtplan in die Hand, trotzdem brauchen wir über eine halbe Stunde um das Lokal zu finden, obwohl es faktisch nur etwa 300 Meter vom Hotel entfernt ist. Na und??? Bloß keine Machosprüche à la "Frauen und Orientierung" jetzt- oder ist etwa einer der geschätzten männlichen Blogleser in der Lage, gleichzeitig zu telefonieren, fernzusehen und die Mitbewohnerin vom vollständigen Verzehr der eigenen Schokolade abzuhalten? Na also.
Gesättigt suchen wir danach unser Dreibettkämmerlein auf und freuen uns, dass wir nicht in Mestre wohnen müssen.
Am nächsten Tag fahren wir nochmal nach Venedig rein und bummeln durch die Stadt, u.a. durch das jüdische Viertel- sie ist wirklich wunderschön (die Stadt), still und- von den 5000000 Tauben mal abgesehen- fast ausgestorben.
Türkisfarbene Kanäle, leerstehende palazzi, Gässchen, durch die man nach drei Brioche garantiert nicht mehr durchpasst, und leergefegte Plätze, auf denen jemand Gitarre spielt- die Atmosphäre ist direkt poetisch, also falls jemand von euch nach dichterischer Inspiration sucht, fahrt da mal hin!
Und dann ist das Ende unseres Kurzurlaubs schon gekommen- schade! Heim geht`s ins kanal-und taubenfreie Siena!
Im Zug Richtung Bologna wird Belinda von einem venezianischen Zahnmedizinstudenten eine Frikadelle an die Backe gelabert (diesen schönen, plastischen Bavarismus habe ich übrigens von Julia übernommen ;-). Der Typ, ganz Kavalier, verpasst ihr gleich mal ne Ladung Zahnpasta, die er vorbildlicherweise offenbar immer mit sich führt. Venezianer scheinen mir etwas schrullig, aber macht nix, wer in einer so tollen Stadt lebt, der darf das.
Arrivederci presto, Serenissima!

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