Freitag, 7. März 2008

Bella Sicilia!







Wie schon des öfteren erwähnt ist Siena eine hübsche Stadt, hat aber auf Dauer die gleiche Wirkung wie ein starkes Sedativum, oder eine Vorlesung bei Philosophieprofessor Cognetti ("Was ist dieses Nichts, von dem Nietzsche spricht? und woher kommen wir eigentlich?!" - schnarch...)



Deshalb zog es uns, Julia und mich, mal wieder Richtung Jenseits der Mauern, diesmal sogar ein ganzes Stück darüber hinaus: Palermo, Stadt der Araber/Normannen/Griechen/Mafiosi/Calimero-mit-der-Eierschale-uffm-Kopp! Aufgestanden sind wir am Tag der Abfahrt um halb 7, in Palermo angekommen sind wir hingegen um 6 Uhr abends, weil- klar- das Flugzeug 3 Stunden Verspätung hatte. Warum sollte auch was, was in Italien auf Schienen nicht hinhaut, in der Luft reibungslos funktionieren ;-)? War aber nicht schlimm, und in Palermo erwartete uns schon Beta, Julias ehemalige portugiesische Mitbewohnerin, die uns für die 5 Tage beherbergt hat. Sie, Beta, ist ein Spektakel, in jeder Hinsicht: vornehmlich in fröhliches Schwarz gewandet, über und über mit Schwermetall um bzw. durch den Körper geschmückt, ihrer Aussage nach mit starkem Kaffee und Whiskey verheiratet und meist mit einem locker an die Unterlippe gehefteten Joint anzutreffen, ist sie das in Dr Martens wandelnde Beispiel dafür, dass Äußerlichkeiten keinerlei Aussagekraft haben, denn statt unablässig zu fluchen und Kleintiere zu opfern, wie man vermuten könnte, ist sie einer der fröhlichsten, gastfreundlichsten und liebenswertesten Menschen, die ich in Italien getroffen habe.Auch ihr Schlaf-Wach-Rhythmus ist bemerkenswert: die Frau schafft es, jeden (!) Abend bis mindestens vier Uhr wegzugehen (gemeinsam mit Vincenzo, Freund des Hauses mit überwältigendem Schlafzimmerblick, Anna, ihrer goldigen deutschen Mitbewohnerin, diversen anderen Freunden und ihren beiden Ehemännern, Joint und Whiskey ;-), und dann den Tag über zu schlafen (vor der Geräuschkulisse eines sizilianischen Wochenmarktes). Aber entweder waren Julia und ich jeden Tag zu lang auf Sightseeing-Tour, oder wir haben schon zu lange in Siena gelebt, oder wir sind schlichtweg zu alt, auf alle Fälle lagen wir meist um 1 im Bett um am nächsten Tag wieder die Umgebung unsicher zu machen, während der ersten beiden Tage in Begleitung von Nannet, einer Holländerin die auch gerade zu Gast im Hause Beta/Anna/Joint/Whiskey war. Und die Umgebung lohnt es echt, unsicher gemacht zu werden: Palermo ist meine persönliche Traumstadt, und auch Julia war gleich begeistert. Die Stadt ist an manchen (eigentlich sogar ziemlich vielen) Stellen verfallen und schmutzig, an anderen prachtvoll und golden, wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht- und die Menschen das Gegenteil der Senesen: offen, freundlich, präsent und an kulturellem Austausch interessiert (gut, sie sind ja auch schon seit Jahrtausenden an selbigen gewöhnt ;-). In der Tat, Leute, die in palermo Erasmus machen, haben Kontakt zu Einheimischen! In echt!!! Die palermitani kommen nämlich nicht nur einmal im Jahr aus ihren Höhlen gekrochen um 3 minuten lang im Kreis zu reiten und den Rest des Jahres durch Abwesenheit oder touristenmordlüsternen Blick zu glänzen, NEIN, sie verbringen eigentlich sowohl den ganzen Tag als auch 2/3 der Nacht im Freien, diskutierend, gestikulierend und essend (auch das eine sizilianische Eigenheit, wie uns ein rein optisch eindeutig in direkter Linie von William the Conqueror abstammender palermitano erklärt: auf Sizilien nimmt man über den Tag verteilt etwa 20 Mahlzeiten zu sich, die letzte vor dem Zubettgehen, also um 4 Uhr früh.) Kurzum: Julia und ich fühlten uns mehr als wohl in einem Haufen Erasmusstudenten und Sizilianer, die einen an allen Ecken und Enden anquatschen und an ihrem mediterranen Mitteilungsdrang teilhaben lassen, ob wir wollen oder nicht. Aus diesen Gesprächen hat sich dann meist als Fazit ergeben, dass



1) in Deutschland die Menschen alle Steuern zahlen und überhaupt gerne Gesetze beachten (sagen die Sizilianer)



2) die Sizilianer freundlicher sind als die Senesen (sagen wir, und sie selbst eigentlich auch ;-)



3) Julia und ich keine Deutschen sind, sondern wahlweise Spanierinnen, palermitane oder Türkinnen ("ihr seid aber nicht blond- welcher Ethnie gehört ihr denn an?!")



Außer mit Diskussionen dieser Art haben wir unseren tollen Urlaub von Siena mit Besuchen des gigantischen botanischen Gartens, einem Ausflug ans Meer (jahaa!) und einem Tag in Monreale verbracht; und natürlich mit Impressionen von Palermo, die manchmal wirklich bizarr waren: der Busfahrplan der Linie 867 Palermo-Monreale gibt beispielsweise nicht die Abfahrtszeiten von Palermo, sondern die von Monreale aus an (???), erdbebenbedingte Risse im palazzo dei Normanni werden kurzerhand mit Tesaband verklebt (siehe Foto), auf einmal kommt auf einer vielbefahrenen Straßenkreuzung ein Halbwüchsiger auf einem Pony in einem Affenzahn um die Ecke galoppiert (ist Beta zufällig nicht nur mit Joints, sondern auch mit halluzinogenen Pilzen verheiratet, die sie uns heimlich in die Pasta mischt?!) - eben auf der Hauptverkehrsstraße die dann Sonntags gesperrt ist, damit man darauf spazierengehen kann. Lustige Stadt.



Naja, nachdem wir dann irgendwie dem enigmatischen Busfahrplan entnommen hatten, wann die Busse nach Monreale fahren, haben wir auch dorthin einen Ausflug gemacht; der Dom dort ist wirklich der Hammer, die Verbindung von arabischer und normannischer Kunst ist beeindruckend, ein riesen Kirchenschiff komplett aus goldenen Mosaiken! Wenn man sich das so anschaut fragt man sich echt, wie viel Geld die Kirche damals so auf der hohen Kante hatte, und für den nicht unwahrscheinlichen Fall dass sie das heute immer noch hat, warum sie es dann nicht in bester christlicher Nächstenliebe den Entwicklungsländern spendet, was sie diesem Status vermutlich sofort entheben würde.



Nach soviel Gold, Glanz und Glorie haben uns Julia und ich erstmal ein bißchen im angrenzenden Klostergarten in der Sonne entspannt; ein weiterer Grund, Sizilien zu lieben: es war schon so angenehm warm wie bei uns vielleicht Ende April, Anfang Mai! Aufgrund der in Palermo kursierenden Gerüchte, in Bologna habe es im Moment 27 Grad, sind wir dann zwar schweren Herzens, aber voller Hoffnung auf Frühling in der Toskana am Dienstag wieder in den Flieger gestiegen. In Pisa begrüßten uns Regen, Wind und kuschelige 7 Grad. Der, der diesen Mist mit 27 Grad in Bologna verzapft hat, muss wohl zu lange in der Sonne gesessen haben; Tatsache ist, dass es im Moment in Bologna schneit. In Siena übrigens auch.



Naja, zum Glück bin ich ja ab nächsten Freitag in Málaga bei Clara (ich bin irgendwie konstant auf Siena-Flucht, merkt man's ;-)?



Der Besuch im Süden hat sich auf jeden Fall gelohnt, und jedem, der darüber nachdenkt in Italien Erasmus zu machen, sei Palermo wärmstens ans Herz gelegt.



Ganz viele liebe Grüße und einen dicken Kuss an alle



eure reiselustige Judith ;-)

1 Kommentar:

Lisa hat gesagt…

N-E-I-D :-)